Hier schreiben Callboys (und Kunden) für Callboys - Texte, Gedichte, wahre Begebenheiten und erfundene Geschichten
Schlaksig stand er da - von Matthias
Also - Stefan
Tantra-Massage - von Jay
Zwischen Glücksversprechen, Animator-Tanga und warten auf die Telekom - Jay

Schlaksig stand er da, die Zigarette lässig im Mundwinkel. Nicht mehr ganz Kind, noch nicht Mann.. Glatte, obenhin rötlich getupfte schwarze Haare fielen ihm tief ins Gesicht. Große, kaffeebraune Augen und ein etwas spitzes Gesicht. Ich schätzte sein Alter auf 14 Jahre (was stimmte). Ich war atemlos, starrte im Vorbeigehen an und stolperte fast benommen von soviel Schönheit ins "Tabasco". Das war meine erste Begegnung mit Ridvan. Ich war in diesen Tagen neu nach Berlin gekommen, um hier meine Ausbildung u absolvieren. Obwohl mir klar war, das Ridvan anschaffen ging, traute ich mich nicht, ihn an diesem Abend anzusprechen. Ich betrank mich, und als ich ihn spät am Abend suchte, fand ich ihn nicht mehr. Verärgert über mich selbst ging ich nach Hause.
Es dauerte einige Wochen, bis ich ihn wiedersah. Diesmal war es morgens gegen 6.00 Uhr, als ich ihn in einer rot-weißen Jogginghose und mit Jeansjacke vor dem "Pinnochio" rumlungern sah. Ich ging auf ihn zu, lud ihn zum frühstücken in ein Café an der Martin-Luther-Straße ein. Es wurde der Begin einer fast zweijährigen Beziehung.
In den ersten Wochen meldete er sich nur, wenn er Geld brauchte. Er kam dann meistens in meine Neuköllner Wohnung und wir schliefen zusammen. Jedes Mal zahlte ich ihm zwischen 50 und 100 Mark. Es waren herrliche Stunden. Ridvan war Türke. Er war jedoch in Berlin geboren. Er ging nicht zur Schule, seine Eltern ließen's durchgehen. Er kam und ging wann er wollte. Mich erschreckte wie sehr er in das Stricher-Klischee passte. Und trotzdem war er ein besonderer Junge!
Wenn er bei mir schlief, hörte ich schon frühmorgens das Geschirr in der Küche klappern - Ridvan machte die Küche sauber, saugte und wischte. Ich war froh, als er anfing, seine Wohnung als die seine zu betrachten. Wir bummelten durch den Budenzauber auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz, ich hatte einen Riesenspaß, in im KaDeWe neu einzukleiden. Ich merkte lange nicht, wie einseitig die Beziehung von meinem Geben bestimmt war - obwohl dieser Winter der schönste in meinem Leben war.

Die Wende kam sehr plötzlich. Bereits einige Wochen später passte mir seine Unzuverlässigkeit nicht. Er schwänzte unsere Verabredungen, nahm sich auf eigene Faust Geld. Dazu beobachtete ich mit Misstrauen seinen neuerlichen Hang zu Drogen. Eines Tages wurde ich in das Foyer meines Arbeitsplatzes gerufen. Ich traute meinen Augen nicht: Ridvan stand dort, der rechte Arm war ganz in einen Verband gewickelt, der rot durchblutete. Ridvan war in eine Messerstecherei verwickelt, war in die Notaufnahme eines Krankenhauses gebracht worden, von dort nach der Ersten Hilfe wieder abgehauen. Er bat nicht, er forderte Geld. "Ich muss weg, die Bullen suchen mich." Ich war total geschockt, zitterte am ganzen Körper. Ich schrie ihn an, ob er wahnsinnig wäre und ging dann doch mit ihm zur Bank, gab ihm Geld. Er verschwand in der U-Bahn und ich sah ihm weinend nach.
Es dauerte zwei Wochen, bis Ridvan nachts in meiner Tür stand. Dicke Ränder unter den Augen, blass und schmutzig warf er sic auf mein Bett und schlief ein. Ridvan war mit "Kumpels" in Frankfurt und Hamburg gewesen. Anschaffen. Jetzt wo es ihm zuviel geworden ist, suchte er wieder das Vertraute, Bequeme. Die Beziehung startet neu. Mehrmals in der Woche holte er mich vom Büro ab. Meistens gingen wir essen (er liebte Krabbenpizza, teilte meine Leidenschaft für Fisch und Meeresfrüchte), dann auf den Kiez, was trinken. Und dann ging ich mehr und mehr allein nach Hause. Er kam morgens, wenn ich schon wieder aus dem Haus ging. Weit über ein Jahr ging das so.
Ich lernte in dieser zeit seine Eltern kennen, die mich immer mehr wegen ihrer Sorgen um Ridvans Zukunft kontaktierten. Und wegen einer anderen Entwicklung: Er hatte begonnen (was ich schon länger wusste und worauf ich vergeblich versucht hatte, einzuwirken) Heroin zu nehmen. Ein teuflischer Zug der Stricherszene, der bis heute viele Jungs dahingerafft hat.
Die Droge wurde über Nacht der zentrale Inhalt in seinem Leben. Und in meinem, indem ich mehr und mehr damit konfrontiert wurde. Fast anderthalb Jahre waren wir nun "zusammen". Ich war geschockt, wie wenig Einfluss ich in dieser Beziehung auf ihn zu haben schien. Dies änderte sich erst mit der zeit, als mir klar wurde, welch unglaubliche und bewusstseins- verändernde Wirkung Heroin auf seine Konsumenten hat.
Es gab Tage, in denen wir in einem von Ridvan klitschnass-geschwitzten Bett aufwachten. Turkey, die Zeit, wenn er von "H" runterkam. Ich erinnere mich an einen Morgen, als ich ihm erst zärtlich auf sein Gesicht küsste und ihn dann, verzweifelt vor Wut, einen Schlag ins Gesicht gab. Er wehrte sich nicht. Früher hätte sich das Ridvan nie gefallen lassen. Wochen später wurde er nachts von der Polizei am "Hermannplatz" geschnappt, als er ein Auto knackte. Da Ridvan ohnehin wegen Diebstahls aus der Vergangenheit eine Bewährungsstrafe hatte, wurde Haftbefehl erlassen. Er kam in die Drogenstation Plötzensee. Unter großem bürokratischem Aufwand bekam ich eine Besuchsgenehmigung. Hinter der Glasscheibe sah ich ihn wieder. Fröhlich winkte er mir zu. Von seiner Familie hat ihn niemand besucht. Zu groß ist die Schande. Zitternd saß ich Ridvan gegenüber. Wusste in 15 Minuten kaum, was ich sagen sollte.
Vor zwei Wochen wurde ich morgens um sieben Uhr von der Klingel geweckt. Ridvan stand vor der Tür. Man hatte ihn am frühen Morgen entlassen. Schlaksig stand er da, die Zigarette lässig im Mundwinkel. Wie das erste Mal, als ich ihn sah. Nur seine Augen sind hart geworden.
Wir umarmten uns, ich schlief mit ihm so schön, wie lange nicht mehr. Trotz allem Elend dieser Beziehung , habe ich mich an ihn gewöhnt. Es stört mich nicht, wenn alle daran zweifeln, dass ich den Versuch schaffe, aus einem kriminellen, drogenabhängigen Stricher einen Menschen zu machen, der mit beiden Beinen im Leben steht.

Ich bin Stefan und arbeite hier in Berlin als Callboy, das ist so was, wie eine Hure, aber eben nicht Callgirl, sondern Callboy. Um es gleich klar zu stellen, ich verkaufe nicht mich, ich verkaufe eine Dienstleistung. Aber im Gegensatz zum Steuerberater verkaufe ich Sex. Begriffen! Das heißt noch lange nicht, dass ich deshalb für Geld alles mache!
Das ich mich mit dem Künstlernamen Stefan maskiere, hat einen einfachen Grund, ich muss mich verstecken. Unsere Gesellschaft bringt es trotz Pluralismus nicht fertig, offen mit der Sexualität ihrer Bürger umzugehen, obwohl sie doch die Freiheit des Einzelnen so beschreibt.
Dabei schützt sie die sogenannte öffentliche Meinung, die Moral der Gesellschaft vor. Ob meinungsbildender Politiker oder einflussreicher Geschäftsmann, vom Vater bis zum Sohne, fast alle männlichen Mitglieder unserer Gesellschaft, im zeugungsfähigen Alter, schleichen sich zur Hure oder zum Stricher. (4000 Prostituierte in der BRD befriedigen täglich drei Kunden). Dabei leben sie ein natürliches menschliches Bedürfnis aus, da für viele Erwachsene Sex eine zur Fortpflanzung notwendige Schweinerei ist, woanders als beim Partner befriedigt wird. Und sexuelle Bedürfnisse beschränken sich nun mal nicht immer auf das, was man mit einem Partner erleben kann!
Unsere Gesellschaft nutzt die Verklemmtheit ihrer Bürger, um die Mitwisser ihrer Intimitäten erpressen zu können. Prostitution ist ein sittenwidriges Geschäft. Dem Gesetz nach fördert der Staat einzelne Zuhälterinteressen und kassiert sogar Steuern. Ohne eine Gegenleistung zu bringen, es sei denn die, ab und an ein Auge zuzudrücken.
Wenn ich offen sage "ich gehe anschaffen", werde ich mich nicht sozial absichern können. Kranken- und Rentenversicherung sind tabu. Die meisten Prostituierten in Deutschland sind nicht krankenversichert, obwohl sie ein hohes Gesundheitsrisiko tragen. Und damit auch eine größere Verantwortung! Die Prostituierte hat kein Ehrgefühl, stellt der Jurist fest, also auch ich nicht, oder was? Peinlich, echt peinlich für unsere aufgeklärte Zeit. Teilen wir uns immer noch in die Bürger und den Pöbel oder Mob?
Wir unterdrücken seit zweitausend Jahren ein Phänomen, das vor Christi Geburt eine mehr oder weniger anerkannte Dienstleistung war, im Namen der Kirche und der bürgerlichen Moralauffassungen, nach dem Motto, "wenn wir schon nicht die Ethik hinkriegen, dann wenigstens die Moral"!
Also ich selbst finde es geil, dass man für mich zahlt! Und mein Kunde, im Volksmund Freier genannt, sollte ebenso empfinden, sonst muss er ja nicht kommen. Und ich frage mich wirklich, was hätten Lieschen Müller oder der verklemmte Onkel Karl für ein Recht, mir vorzuschreiben, was ich mit meinem Körper mache oder ein anderer mit seinem Geld. Das geht doch Dritte eigentlich nichts an, oder? Solange niemand gezwungen wird, etwas zu tun, was er nicht will!
Aber gerade weil wir das Thema verdrängen, werden die kriminellen Seiten im Rotlichtmilieu begünstigt, Zwang zur Prostitution, also Zuhälterei, Erpressung usw. Wobei ein Puffbesitzer noch lange kein Zuhälter sein muss! In der Regel ist er ein Unternehmer, wie andere auch, nur eben in einem nicht geduldeten Geschäft.
Wir praktizieren Scheinheiligkeit, die Ergebnis einer Konsumwelt ist, in der es alles zu kaufen gibt, die Politiker, die Geschäftsleute und die Gummipuppe von Beate Uhse.
Denn, wo ein Bedürfnis besteht, wird es auch befriedigt. Nach dem Prinzip funktioniert nun mal unsere Gesellschaft. Beten hilft da auch nur begrenzt, das sehe ich an meinen Kunden.
Weil Sex nun mal aus dem Bauch kommt.

Einen Artikel wollte ich schreiben
über Tantra-Massage
die ganzheitliche Arbeit mit Sex-Energie
über den erotischen Masseur
und die "heilige Hure"
doch an dem Thron
den ich für sie gebaut habe ist
ein Rammbock gestoßen
meine Gefühle
von verliebt sein
verlassen werden
Schmerz, Traurigkeit, Angst
und tiefer Sehnsucht
TANTRA heißt
mit dem zu sein
was in diesem Moment geschieht.
TANTRA sieht das Höchste und das Niedrigste
und akzeptiert beides
die Lotosblüte im Schlamm
Wenn ich Sex mache
berührt das immer mein innerstes Wesen
ob ich mir das klar mache oder nicht
wenn ich ehrlich bin damit
nicht aus Gefühl und Offenheit heraus sexuell bin
sondern
weil jemand anderes es fordert
weil ich das Geld brauch
weil ich es zwanghaft tue
dann verletzt mich das
ob ich das merke oder nicht
und schaffe eine tiefe Trennung.
es ist nicht so simpel und folgenlos
den Körper zu verkaufen
ganz gleich ob der Lohn nun Geld oder Liebe sein soll
TANTRA versucht
diese Trennung aufzulösen.
wenn ich einen Kunden habe
bin ich ganz hier
muss mich nicht verstellen
berühre diesen Menschen
erotisch
mit meinen Händen
mit meinem ganzen Körper
je weniger ich absichtlich tue
desto intensiver ist es für beide.
es gibt keinen Sex auf Kommando
Sex ist wie ein warmer Strom
ich stimme mich ein auf den Anderen
und spüre ihn
und spüre mich
natürlich gibt es Techniken:
Massagen, Atmen, Töne, Positionen ...
damit nehme ich Kontakt auf mit Dir
und vielleicht geschieht dann etwas Grenzenloses
ich bin hier
mit Dir
ein offenes Fenster
führt uns in eine Ahnung von Einheit und Liebe
in dieser einen Stunde
für die du mich bezahlst.
Danke!
Die heilige Hure ist abgestürzt,
sie braucht auch keinen Thron,
es ist ein Teil von mir neben vielen anderen.
Es ist der Teil mit dem ich am liebsten arbeite.
Frag mich ob er da ist!


Seit Jahren habe ich immer wieder darüber nachgedacht, auf den Strich zu gehen. Im Januar habe ich beschlossen, ernst zu machen, Es dauerte zwei Monate, bis ich einen zweiten Telefonanschluß hatte. In diesen zwei Monaten habe ich mich intensiv darauf vorbereitet. Zum einen musste ich ja wissen, wie es organisatorisch läuft: Dass ich mich am Telefon selbst beschreiben muss, welchen Preis ich nenne, dass ich mir Namen, Adresse, Telefonnummer geben lasse und - nachdem ich diese im Telefonbuch oder über die Auskunft überprüft habe, noch mal anrufe. Dass es sinnvoll ist, bereits am Telefon zu klären, was sexuell laufen soll, ohne den Freier auszufragen und damit abzuschrecken oder ihm den Eindruck zu vermitteln, es müsse planen, was läuft.
Außerdem habe ich mich noch mal mit den aktuellen AIDS-Präventions- botschaften vertraut gemacht, mir und anderen Fragen gestellt, welche Anlässe es gibt, in denen es zu Gewalt kommt. Außerdem habe ich mich über Steuer-, Sozialhilfe-, Sperrbezirks-, und ähnliche Fragen informiert.
Dann habe ich Kondome und Gleitgel besorgt, eine Telefonkarte für Notfälle und 0,30 DM, die ich immer dabei habe. Außerdem Reizunterwäsche ("Animator-Tanga" vom Top-Versand). Ich war beim Frisör und habe mich neu eingekleidet.
Ich habe meine erste Anzeige für den TIP entworfen. Dazu habe ich erst mal eine Textanalyse der Anzeigen gemacht. Sie bestehen aus vier Teilen:
Der erste Teil - Ein Name oder Synonyme: Gay-Boy, Boy, Hübscher Boy, Aktiver Typ, Netter blonder Typ, Punk-Boy, Dressman, Masseur... Manchmal auch nationale Synonyme: Spanier, Italo-Typ, südländische oder französische Dressmen, Marokkaner.
Die Synonyme gefielen mir nicht und der Nationalitätsbezug erinnerte mich an Zusammenhänge von Rassismus und Sexismus. Also wählte ich einen Namen: Seitdem nenne ich mich Paul. Zum ersten Teil gehören auch Alter, Größe, Gewicht. Manchmal noch mit Zusätzen: Haarfarbe, Behaarung, Augenfarbe. Ich mache mich ein Jahr jünger: 26/165/55.
Der zweite Teil besteht aus Charakterisierungen, die meist männlichen bzw. weiblichen Zuschreibungen entsprechen: "tabulos, kräftig, dominant, athletisch, sportlich, gutgebaut, gutbestückt, knabenhaft, ausdauernd" beziehungsweise "hübsch, zärtlich, individuell, einfühlsam". Die männlichen gefielen mir nicht, ich übernahm also die Begriffe zärtlich und individuell. Und ich suchte nach Begriffen, die ähnlich positiv besetzt sind: "wach, begeisterungsfähig, offen (für...), interessiert, kreativ, frisch. locker, impulsiv, spontan, frei (frei wozu? frei wovon?), lebendig, konkret". Also nahm ich noch die Begriffe "spontan" und "konkret" dazu.
Der Übergang zu den selten beschriebenen, angebotenen Praktiken fällt dann nicht sehr schwer: "Massage, dominant, aktiv, passiv...". Ich ging davon aus, dass solche Angaben eher nachteilig sind, weil sie eingrenzend sind und den Kunden zu wenig Raum lassen.
Der dritte Teil ist der wichtigste. Hier werden die Glücksversprechen gemacht. Dabei ist es wichtig, dass der potentielle Freier seine Wünsche hineininterpretieren kann und den Eindruck hat, der Stricher sei jederzeit vollkommen verfügbar. Sie sagen eigentlich nichts und versprechen zugleich alles. Beispiele: "ohne Zeitdruck / erfüllt dir Deine Wünsche und verwirklicht Deine Phantasien / gibt dir, was du suchst / ganz nach deinen Wünschen / verwöhnt Ihn / besucht / empfängt / erwartet / steht zur Verfügung / möchte dich verwöhnen / bietet Männern schweißnasse Erlebnisse / nach deinen oder meinen Wünschen / steht mit Zeit zur Verfügung / Ich warte auf Deinen Anruf / erwartet deinen Anruf /erfüllt Ihm alle Wünsche / verwöhnt diskret". Da es dabei im Grunde um die Verfügbarkeit geht, sollte in meiner Anzeige das Wort "verfügbar" auftauchen.
Manchmal sind noch Stereotypen wie "gepflegte Atmosphäre", "niveauvoll", "für den anspruchsvollen Gast" zu finden, die aber immer seltener werden und zumindest bei mir assoziiert sind mit Spießigkeit.
Der letzte Teil sind organisatorische Hinweise: Uhrzeiten und Telefonnummern.
Noch sah ich das Ganze als Experiment an. Außerdem hatte ich die These, dass es mittlerweile einen Markt sehr junger Freier gibt, die ich direkt ansprechen könnte.
Meine erste Anzeige sah so aus: "Paul, 26, 55, 165, schlank, aufmerksam, spontan und mit sehr viel Zeit besucht junge Männer ab 18 - ganz Deiner Lust entsprechend individuell, zärtlich, konkret und verfügbar vor allem von 14-3 Uhr. Ich warte auf Deinen Anruf: Telefonnummer."
In den ersten zwei Wochen klingelte das Telefon ständig. Aber ich machte einige entscheidende Fehler: Zum einen war mein Preis zu hoch gegriffen, 300,- DM kriegt in Berlin keiner. Da hatte ich mich falsch beraten lassen. Außerdem war ich im Gespräch zu dominierend.
Später gab mir ein Freund den entscheidenden Hinweis, was ich falsch machte. "Deine Gespräche haben das Setting von Beratungsgesprächen". Das stimmte. Ich fragte zu viel, konterte Fragen mit Gegenfragen, statt möglichst direkte und einfache Antworten zu geben. Außerdem hatte ich auf die Frage, was ich denn so machen würde erklärt, was ich nicht machen würde: Blasen ohne Gummi und so. Das turnt eher ab, als an. Inzwischen sag ich positiv: "aktiv, passiv, ich blase gern - aber nicht bis zum Schluss und ich lass mich gern blasen..."
Bis heute weiß ich nicht, warum alle Freier wörtlich dieselben Fragen stellen: "Was machst du?", "Wie siehst du aus?", "Was kostest es?". Nur die Reihenfolge wechselt. Wo lernen die das?
Einer wollte, dass ich im Anzug komme. Ein anderer bevorzugte Lederhosen. Nichts darunter. Einer wollte, dass ich seine Freundin "rannehme", während er zuguckt. Einer wollte es heimlich beim Fahren auf der AVUS. Einer wollte "sportlichen Sex". Ein anderer wollte eine Gottheit aus mir machen. Oder Nadeln unter der Vorhaut.
Den einzigen Freier, mit dem ich einen Termin machte, verschlief ich - Wir hatten uns für vier Uhr morgens verabredet.
Tatsächlich riefen sehr viele, sehr junge Schwule an. Und einige meinten es durchaus ernst ("ich bin Zivildienstleistender und habe nicht...").
Noch hatte ich also keinen Freier. Aber ich wollte wissen, wie man´s anfängt. Noch immer konnte ich mir die Situation nicht so richtig vorstellen.
Ich kürzte die Anzeige. Auch die Einschränkung "junge Männer" nahm ich raus. "Paul, 26, 55, 165, schlank. aufmerksam, spontan und konkret. Nur Haus/Hotel Telefonnummer Bis gleich!"
Mit dem ersten Kunden traf ich mich am U-Bahnhof. Ich stieg ein und sagte etwas über die viel zu langen Fahrtwege. Damit hatte ich das Gespräch und die Situation in der Hand. Wir fuhren in den Wald. Wir redeten auf dem Weg. Ich blies ihm einen. Es war heiß. Auf dem Rückweg zum Auto liefen uns zwei Rehe über den Weg. Ich fühlte mich toll und zufrieden. Und hatte meine ersten 150,- DM verdient.
Manchmal frage ich mich schon grundsätzlich, ob Sex etwas mit Geld zu tun haben soll. Aber wo leben wir denn.
Und ich bin bei dem einen oder anderen Freier irritiert über manche reduzierte Formen von Sexualität. Ich hätte uns mehr Zeit gelassen.
Es gibt Freier, die können Sexualität erleben und genießen. Anderen scheint es nur um einen Film in ihrem Kopf zu gehen. Ich mag die Genießenden lieber.
Wenn du es auch so siehst: Ruf an!
